Schon seit ein paar Jahren kann man, zumindest in einigen Subkulturen, eine stete Zunahme und Akzeptanz beobachten, aber die Entwicklung der letzten Wochen, bedingt durch die Fußball-WM, ist wirklich phänomenal. Schade, daß es sich hier wohl nur um ein spielerisches Element handeln wird, das, kaum daß der letzte Schlußpfiff für die deutsche Elf ertönt ist, wieder verschwinden wird. Um nicht länger um den Brei, den heißen, herumzureden: Ich meine den
Rock an Männerhüften.
Und auch wenn das Ergebnis der WM-Euphorie lediglich aus umgeschwungenen Flaggen besteht, so handelt es sich doch eindeutig um Röcke, und niemand stört sich daran. Zu allem Überfluß kann man dazu feststellen, daß es vielen Kerlen sogar recht gut steht.
Aus welchem Grund wird dieses Kleidungsstück im „normalen“ Alltag für Männerbeine aber noch immer von Modeschöpfern und der Gesellschaft verpönt? Steckt etwa eine patriarchaische Angst dahinter, nicht mehr als „männlich“ zu gelten? Aber in einer Welt, in der viele Frauen versuchen, männlicher zu wirken, oder zumindest die Hosen an haben und an haben wollen, wäre es doch nur konsequent, kehrten im Gegenzug einige Männer eine leichte Weiblichkeit nach Außen, sozusagen als Efrauzipation. Denn eines ist klar: Durch die fließende, wehende Optik wirken, zumindest lange, Röcke elegant, weich und sogar ein wenig anmutig, und laufen somit demonstrierter Kraft und Härte entgegen.
Aber in den alten Zeiten vor der Hose, also bis ins späte Mittelalter, hat dies hierzulande auch niemanden gestört. In diversen wärmeren Ländern, vor allem in Afrika, Asien und im arabischen Raum, ist es auch heute noch üblich, daß beiderlei Geschlecht Röcke, Sarongs, Kaftane, Djellabas, Fustanellen, Pareos oder lange Tuniken tragen, in
Samoa gehört der Rock sogar zur allgemeinen
Polizeiuniform. Es ist eben nur in unseren Breitengraden nicht mehr üblich. Und somit muß ich dann auch von meiner Mutter hören, ich solle mich doch in der Öffentlichkeit „ordentlich“ kleiden, will heißen, mich nahtlos den Standards anpassen, um nicht aufzufallen oder anzuecken. Gesellschaftliche Konventionen werden also gerne über Komfort und Selbstverwirklichung gestellt. Aber mal im Ernst: Wo wäre unsere Gesellschaft heute, ohne die vielen Querdenker und zu ihrer Zeit verlachten Tüftler? Normen wandeln sich, also kann man auch ruhig einmal selbst einen Teil der Änderung bilden, anstatt auf die Änderungen zu warten, und sich dann wieder nur anzupassen.
Interessant wäre in diesem Zusammenhang eine repräsentative Umfrage über das tatsächliche öffentliche Meinungsbild. Ich kann mir denken, daß im Schnitt, insbesondere bei der holden Weiblichkeit, zu dem Thema nicht nur Gleichgültigkeit, sondern sogar verhaltene Begeisterung in den Köpfen schlummert.
Ja, ich selbst bin überzeugter Rockträger, obwohl ich es mir lange Jahre nicht vorstellen konnte, und eigentlich ist es schade, daß die Fußballfans sich die Flaggen lediglich über ihre Hosen gewickelt haben, denn somit entgeht ihnen die Erfahrung, wie angenehm gerade bei diesen hohen Sommertemperaturen die Luftigkeit mit gleichzeitigem Sonnenschutz um die Beine ist. Bequem ist es außerdem.
Also, Männer: Wenn Ihr der Meinung seid, nicht immer den Macho raushängen lassen zu müssen, probiert doch einfach mal einen Rock an und aus. Und wenn es nur heimlich vor dem heimischen Spiegel ist. Auch in Damenabteilungen oder Schränken der Partnerin finden sich lange schlichte Röcke, oder man(n) durchstöbert Fetish- und Szeneläden nach speziellen Männerröcken (die dann meist mit Nieten, Ösen oder Ketten verziert sind) oder Kilts. Zur Not reichen zum Ausprobieren aber sicherlich auch Tischdecke und ein-zwei Sicherheitsnadeln oder das große Badetuch.
Nur Mut!